Zwei Ausnahmekünstler entführten die Zuschauer in der Aula des Internats auf eine lautmalerische Zeitreise von den Anfängen der deutschen Sprache bis in die Moderne. Ein Abend, der bewies, dass Lyrik alles andere als verstaubt ist.

Dass Gedichte nicht nur schwarz auf weiß in Schulbüchern existieren, sondern eine gewaltige lebendige Kraft entfalten können, erlebten die Gäste des Lyrikabends am Comenius-Gymnasium Deggendorf. Unter dem Titel „Lyrik-Performance“ präsentierten die beiden Künstler Michael Braun und Michael Chwatal ein Programm, das den Bogen von den ersten menschlichen Urlauten über althochdeutsche und mittelhochdeutsche Verse bis hin zur zeitgenössischen Dichtung spannte.

Eine Reise durch die Jahrhunderte

Der Schulleiter Hr. Scharnagl eröffnete den Abend passend mit einem Zitat von Johann Wolfgang von Goethe und stimmte das Publikum auf die kommenden zwei Stunden ein. Was folgte, war eine meisterhafte Symbiose aus Wort, Klang und Szene. Besonders die Klassiker der Balladenkunst fesselten die Zuhörer: Schillers „Der Handschuh“ und Droste-Hülshoffs „Der Knabe im Moor“ wurden nicht einfach rezitiert, sondern förmlich durchlebt.

Ein besonderes atmosphärisches Highlight war die Darbietung von Conrad Ferdinand Meyers Dinggedicht „Der römische Brunnen“. Die beiden Sprecher wechselten sich in einer Art Kanon ab und luden die Zuschauer dazu ein, die Augen zu schließen. In der Stille der Aula meinte man fast, das stetige Fließen und Steigen des Wassers real zu vernehmen.

Geschichte und Dialektik

Im weiteren Teil des Abends widmete man sich verstärkt der Lyrik des 20. Jahrhunderts und deren enger Verknüpfung mit der deutschen Geschichte. Ernst Jandls Werke „Wien Heldenplatz“ und „schtzngrmm“ sorgten mit ihren genialen lautmalerischen Effekten für Gänsehautmomente und machten die Schrecken des Krieges und die Abgründe der Geschichte akustisch greifbar.

Doch der Abend bot auch Raum für Heiterkeit: In komödiantischen Zwischeneinlagen beleuchteten die beiden Künstler – einer aus der Oberpfalz, der andere aus Niederbayern – die feinen, aber deutlichen Diskrepanzen ihrer Herkunftsregionen. Diese humorvollen Wortgefechte lockerten das Programm auf und sorgten für zahlreiche Lacher im Publikum.

Ein Höhepunkt, der unter die Haut ging

Den absoluten emotionalen Höhepunkt bildete die Vertonung von Goethes „Erlkönig“. Die darstellerische Intensität war so greifbar, dass es den Zuschauern sichtlich unter die Haut ging. Die meisterhafte Umsetzung ließ die Grenzen zwischen Musik und Sprache verschwimmen.

Der große Applaus am Ende des Abends sprach Bände: Das Publikum gab sich erst nach einer Zugabe zufrieden. Herr Scharnagl dankte den Künstlern für ihre Darbietung und richtete seinen Dank ebenso an die Organisatorin Frau Englmeier sowie die beiden Schultechniker, die für den perfekten Ton und das rechte Licht gesorgt hatten. Ein herzliches Vergelt’s Gott galt auch der Heimleitung für die Bereitstellung der Aula und das Catering sowie dem Förderverein der Schule, durch dessen großzügige Unterstützung der Eintritt für alle Besucher kostenlos bleiben konnte.

Ein rundum gelungener Abend, der noch lange nachklingen wird!

Birgit Englmeier